Rezension von Prof. Dr. Gerald Hüther
Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung, Psychiatrische Klinik, Universität Göttingen
TAIL: Ein Lernprogramm zum Erwerb von Metakompetenzen
1. Weshalb das Lernen immer dann am Besten funktioniert, wenn es
begeistert....
Was passiert im Gehirn, wenn etwas Neues erlernt wird? Lernen, so haben die Hirnforscher herausgefunden, funktioniert immer dann am besten, wenn:
- die Aufmerksamkeit hinreichend geweckt ist,
- die Lerninhalte unter Einbeziehung möglichst vieler Sinneskanäle
vermittelt werden,
- ein unmittelbares Feedback erfolgt und die Lernleistung durch
positive Emotionen und Belohnungen unterstützt wird,
- das Gelernte auch persönliche Bedeutung besitzt, nützlich und anwendbar ist,
- der Lernstoff einerseits neu genug ist, andererseits aber auch gut an bereits
vorhandenes Wissen angeknüpft werden kann,
- keine Überreizung stattfindet und kein Druck herrscht,
- ausreichende Wiederholungen stattfinden.
Das Entscheidende fehlt in dieser Aufzählung jedoch. Und es fehlt wahrscheinlich deshalb, weil die meisten Erwachsenen aufgrund ihrer eigenen (schlechten) Erfahrungen selbst nicht mehr daran glauben und sich vorstellen können, dass das möglich ist:
Lernen muss Freude machen!
Dieses wunderbare Lustgefühl beim Erwerb neuen Wissens wird, wie die Hirnforscher inzwischen auch herausgefunden haben, automatisch immer zusammen mit dem jeweiligen Lernstoff im Gehirn verankert und abgespeichert. „Kopplung“ nennen die Neurobiologen dieses Phänomen, das jeder kennt, dem es gelingt, sich mit Begeisterung an die Lösung einer schwierigen Aufgabe zu machen. Deshalb brauchen Kinder (wie auch Erwachsene) Aufgaben, die nicht nur ihr Denken anregen, sondern auch ihre Begeisterung wecken.
2. Weshalb ein Computerspiel wie TAIL die Begeisterung am Lernen weckt...
Damit die Lust am Lernen nicht vergeht oder wieder geweckt wird, brauchen Kinder (wie auch Erwachsene) Probleme, die sie selbständig lösen und an denen sie wachsen und über sich hinauswachsen können. TAIL ist ein Computerspiel, das Kindern und Jugend-lichen genau das bietet, was sie brauchen, um sich an ihren eigenen Leistungen zu begeistern:
- Klare und verlässliche Strukturen und Regeln, die man einhalten muss, wenn man ans Ziel kommen will.
- Eigene, selbstständige Entscheidungen, die man treffen muss und für die man — wenn sie sich als falsch erweisen — ganz allein verantwortlich ist.
- Aufregende Entdeckungen, die man machen und spannende Abenteuer, die man erleben kann.
- Schwierigkeiten, die man überwinden kann.
- Ziele, die man erreichen kann.
- Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man erwerben und sich aneignen kann.
- Kleinigkeiten am Rande, auf die man achten muss.
- Selbst gemachte Erfahrungen, auch Fehler, aus denen man klug werden kann.
- Geschicklichkeit, die man zunehmend besser entwickeln kann. Und nicht zuletzt,
- Fortschritte, auf die man stolz sein kann.
TAIL ermöglicht so Lernprozesse, die Spaß machen und die - daran gekoppelt – wichtige Erfahrungen im Gehirn der betreffenden Kinder und Jugendlichen verankern:
Du kannst Regeln erkennen, umsichtig agieren, Neues entdecken, Verantwortung für deine Entscheidungen übernehmen, aus Fehlern lernen, etwas leisten und über dich hinauswachsen.
3. Weshalb es beim Lernen weniger auf die Aneignung von Wissen, sondern auf
die Herausbildung von Kompetenzen ankommt...
Es gibt bestimmte neuronale Aktivierungsmuster, die abgerufen werden können, um komplexe motorische Handlungsabläufe in Gang zu setzen und zu steuern. Die einfachsten sind bereits zum Zeitpunkt der Geburt herausgeformt (angeboren), schwierigere Handlungsmuster (für Greifbewegungen, für das koordinierte Krabbeln, später für den aufrechten Gang, das Schwimmen oder Fahrradfahren) müssen erst anhand von Vorbildern und wiederholtes Üben etabliert, gebahnt und stabilisiert werden.
Die interessantesten und für die Art der weiteren Nutzung und Strukturierung des Gehirns maßgeblichsten „inneren Bilder“ werden in den höchsten und am stärksten vernetzten assoziativen Bereichen des menschlichen Gehirns herausgeformt. Eine herausragende Funktion spielt hierbei die präfrontale Rinde(Stirnlappen oder frontaler Cortex), also diejenige Hirnregion, deren endgültige Verschaltungsmuster währendder Individualentwicklung zuletzt herausgebildet wird und deren Strukturierung in besonderer Weise durch eigene Erfahrungen im Verlauf der frühen Kindheit durch Erziehung und Sozialisation bestimmt wird. Hier werden diejenigen inneren Bilder generiert und als charakteristische neuronale und synaptische Aktivierungsmuster gebahnt undgefestigt werden und die für die höchsten Leistungen des menschlichen Gehirns entscheidend sind: Die Fähigkeit, eine Vorstellung von sich selbst (Selbstbild) und seiner eigenen Wirkungen (Selbstwirksamkeitskonzept) zu entwickeln, sich in anderen Menschen hineinzuversetzen (sich ein Bild von anderen zu machen), seine Handlungen zu planen und seine eigenen inneren Impulse zu kontrollieren und in eine bestimmte Richtung zu lenken (sich ein Bild von dem zu machen, was man will).
Mit Hilfe dieser sog. wissensunhabhängigen Metakompetenzen entscheidet ein Mensch, was ihm wichtig ist, womit er sich beschäftigt, wofür er sich einsetzt, worauf er seine Aufmerksamkeit fokussiert und wie er seine Vorstellungen umsetzt.
Die entscheidende Frage lautet also:
Wie lässt sich eine deutliche Verbesserung all jener Kompetenzen erreichen, die - neben dem in der Schule erworbenen Wissen - entscheidend dafür sind, ob und wie junge Menschen die Herausforderungen annehmen und meistern können, die sich in ihrer weiteren Ausbildung und im späteren Berufsleben stellen?
Das Fatale daran ist: Diese Kompetenzen lassen sich nicht unterrichten. Das gilt insbesondere für die sog. komplexen Fähigkeiten wie
- Strategische Kompetenz: vorausschauend zu denken und zu handeln,
- Problemlösungskompetenz: komplexe Probleme durchschauen,
- Handlungskompetenz, Umsicht: Folgen des eigenen Handelns abschätzen,
- die Aufmerksamkeit auf die Lösung eines bestimmten Problems zu fokussieren Motivation und Konzentrationsfähigkeit: und sich dabei entsprechend zu
konzentrieren,
- Einsichtsfähigkeit und Flexibilität: Fehler und Fehlentwicklungen bei der
Suche nach einer Lösung rechtzeitig erkennen und korrigieren zu können und
- Frustrationstoleranz, Impulskontrolle: sich bei der Lösung von Aufgaben
nicht von aufkommenden anderen Bedürfnissen überwältigen zu lassen.
„Exekutive Frontalhirnfunktionen“ nennen die Hirnforscher diese Metakompetenzen, deren Herausbildung bisher eher dem Zufall überlassen worden ist und auf die es in Zukunft mehr als auf all das in der Schulzeit auswendig gelernte Wissen ankommt.
Die Schule als Ort, an dem Kinder und Jugendliche für die auf sie zukommenden Anforderungen gewappnet werden sollen, ist neben der Familie diejenige Einrichtung, die sich am besten dafür eignet, die Entwicklung dieser Metakompetenzen zu fördern. Der entscheidende Grund dafür, dass die Entwicklung dieser komplexen Fähigkeiten und Kompetenzen bis heute in Schulen zu wenig beachtet und gefördert wird, ist banal:
All diese Kompetenzen und Fähigkeiten, auf die es im späteren Leben wirklich ankommt, sind mit den traditionell in Schulen eingesetzten Evaluationsinstrumenten nicht messbar. Da der Erfolg von Maßnahmen zur Verbesserung dieser Kompetenzen bisher nicht objek-tivierbar war, bestand weder eine hinreichende Veranlassung noch eine begründbare Notwendigkeit für deren Einführung.
Diese Situation ließe sich z. B. mit dem im Internet verfügbaren Wuk-Test (Wissens-unabhängiger Kompetenz-Test, www-Wuk-Test.de) verändern. Es handelt sich hierbei um ein Instrument, das die individuelle Ausprägung und Nutzbarkeit wissensunabhängiger Kompetenzen bei Schülern und Auszubildenden auf einfache Weise messbar macht.
Göttingen, August 2006
Prof. Dr. Gerald Hüther
TAIL: Training von Aufmerksamkeit und Impulskontrolle als Lernspiel.
(Bonney, H., 2006; ISBN 3-00-017905-4)